Sonntag, 7. Januar 2018

Molly in ihrer Welt


Dass Molly anders ist als alle Hunde, die ich davor hatte, blieb nicht lange verborgen. Schon als sie am Tag ihres Einzugs durch die Türe kam, war klar, dass bei ihr die Uhren anders ticken. Molly drehte sich durch die Türe wie ein Kreisel mit Eigenleben. Dieses Kreiseln um die eigene Achse wie ein Derwisch in Trance tritt in ganz bestimmten Situationen verstärkt zu Tage und Molly ist dabei wie weggetreten und unansprechbar. Sobald ich mich etwa dran mache, das Futter für die Bande zu holen, scharrt Molly bereits in den Startlöchern. Wie alle anderen wartet sie zunächst auf der Hundecouch, springt aber - kaum dass ich ihr den Rücken zuwende - mit einer perfekten Schraube von der Matrazze und dreht sich einmal durch den ganzen Raum, bevor sie wieder auf der Matrazze landet. Meine Versuche, sie dort mit strenger Befehlsgewalt festzunageln, sind nach mehr als vier Jahren unseres Zusammenlebens noch immer stets zum Scheitern verurteilt.

Mollys knallt in ihrem Drehtaumel auch schon mal gegen Türen und Wände, bringt volle Wasserkübel zum Kippen, kollidiert mit Hunde- und Menschenbeinen, die dann Gefahr laufen, der Länge nach auf den Boden oder gegen den nächsten Türrahmen zu torkeln.

Wenn Molly einen Schlafplatz gewählt hat, dann wird dieser nicht einfach bestiegen. Sie dreht erstmal drei bis fünf Runden davor. Jetzt kommt es natürlich ab und zu mal vor, dass eine andere Fellnase grade dieselbe Idee hatte und sich inzwischen auf Mollys auserkorenen Schlafplatz hinlümmelt, während Molly immer noch ihre Runden davor dreht. Sind diese dann fertig, steht sie verdutzt vor dem bereits besetzten Platzerl und versteht die Welt nicht mehr.

Jeder Hund, den ich von klein an zu mir genommen habe, hat es sich zur Gewohnheit gemacht, im Garten oder beim Spazierengehen seine Geschäfte diskret an der Seite oder gar tief drinnen im Wald zu erledigen. Auch Hunden "stinkt" das, wenn sie selbst drüber stolpern und ihr Interesse an den Ausscheidungen anderer Hunde ist nicht der tolle Geruch, sondern lediglich die Information über die andere Fellnase, die davon ausgeht. Es ist köstlich zu beobachten, wie selbst Hunde die Nase rümpfen, sollten sie unabsichtlich in oder über die Ausscheidung eines anderen Hundes stolpern. Soweit die Normalos - anders bei Molly: sie, die sich grade noch am Wegrand schnüffeln vorwärts gearbeitet hat, beginnt sich zu drehen, bis sie exakt in der Mitte des Weges gelandet ist. Ich nenne es "Ausmessen". Dort wird das Drehen schneller, bis sie abrupt stoppt und nun in aller Ruhe ihr Geschäft erledigt. Versuche, sie während des Drehens zurück an den Wegrand zu bugsieren, führen grade mal dazu, dass der arme Hund eine Verstopfung erleidet. Derart unterbrochen traut sie sich gar nicht mehr und zwickt lieber zusammen, bis sie es ungestört zuhause mitten im Garten erledigen kann. Noch beliebter sind bei Molly Wegkreuzungen - mir kommt vor, hier wird noch eine Spur gründlicher, weil weitläufiger ausgemessen, bevor sie zufrieden ist mit der Positionierung und sich hinhockt. 

Entzückend hingegen ist es, dabei zu zu sehen, wenn sie um einen super tollen Geruch am Weg oder in der Wiese dreht. Viele kennen vielleicht von den Hoppala Videos aus Internet und Fernsehen, wie sich Leute auf einen Baseballschläger gestützt viele Male um diesen herum drehen und wenn sie loslassen, wie betrunken in die nächste Hecke torkeln oder gegen die Gartenhütte donnern. So ähnlich sieht es bei Molly aus, wenn sie, die Nase auf das Geruchsobjekt fixiert, sich viele Male um die eigene Achse dreht, bis sie alle Nuancen des Geruchs erfaßt hat, um sodann gleich selbst, mit einer Hinterpfote in der Höhe ihre Duftmarke drüber zu setzen.

Streicheleinheiten genießt die süße Blondie bestimmt sehr, aber auch hier legt sich bei ihr ein Schalter um. Setzt man sich zu ihr auf den Teppich, um sie ausgiebig zu knuddeln, dauert es nur Sekunden, bis Molly auf den Rücken plumpst und ekstatisch von links nach rechts rollt und wieder retour, dabei mit allen vier Beinen in der Höhe strampelt und oft auch noch ein leises Quietschen von sich gibt. Dabei drückt sie ihr Köpfchen fest auf den Boden, als würde sie ihre Ohren massieren (was sie vermutlich auch tut). Weil es nur endlos so weiter gehen würde, wenn ich bei ihr bliebe, stehe ich dann meist auf und rufe sie, um sie aus ihrem "Wahn" wieder heraus zu holen. Ein Exorzist hätte seine wahre Freude mit der Hündin.

Bei längeren Spaziergängen halte ich gerne inne, kniee mich für eine kleine Kraulpause mit meinen Vierbeinern hin. Da kommen sofort alle angelaufen und freuen sich über die Aufmerksamkeit. Auch Molly macht mit, zieht aber sofort wieder ihr verrücktes Ding mit der Ohrenmassage ab. Wenn ich dann wieder hochkomme, um weiter zu gehen, folgt mir oftmals eine mit Blättern und Erdreich panierte Molly.

Diese Ohren-Selbstmassagen führt Molly aber nicht nur am Boden durch. Jeder Widerstand ist ihr im Grunde recht. Sie tut es in meine Hand, an mein Bein, an die Hundebeine (die entsetzten Blicke der betroffenen Fellnasen muss ich demnächst mit der Kamera einfangen), an der Bettkante, am Sessel, auf der Hundecouch, ..... Die Ohren sind übrigens gründlich untersucht und in Ordnung ... wie es im Kopf meiner Süßen aussieht, ist allerdings eine andere Sache ....

Nicht dass nun der Eindruck entsteht, Molly wäre kein liebevoller Hund. Oft, wenn ich mit ihr alleine bin und keiner der anderen sich dazu drängt und Aufmerksamkeit fordert, hocke ich mich seitlich neben sie und sie schlüpft mit ihrem entzückenden Kopf unter meinem Arm durch, hebt die Schnauze und flüstert mir zart und kurz ins Ohr. Klingten tut dieses "Flüstern" wie ein leises Schmatzen. Danach legt sie ihren Kopf in meine Armbeuge oder auf den Oberschenkel und läßt sich den Hals massieren. Währenddessen flüstere ich ihr was Nettes ins Ohr, was wiederum dazu führt, dass Molly ihren goldigen Kopf an mein Ohr hebt und mir was rein schmatzt. Dieses entzückende gemeinsame Ritual lieben wir beide sehr.

Molly verfolgt mich - wo immer ich bin, egal, was ich gerade mache, habe ich einen blonden Schatten, der mich verfolgt und fixiert. Die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, wäre sie zu fesseln oder anzubinden. Stehe ich am Herd und koche - Molly sitzt neben mir. Sitze ich am Bett und lese - Molly ist da. Bin ich zu Tisch und esse - Molly dabei. Arbeite ich am Laptop - Molly hockt daneben. Komm ich aus dem WC oder aus der Dusche, sitzt Molly bereits knapp hinter der Tür und erwartet mich. Wer das für absolute Treue hält, der irrt gewaltig. Molly hofft zu jeder Sekunde des Tages, ich könnte plötzlich ein fettes Schweinsohr oder ein lecker stinkendes Kaustangerl aus dem Ärmel zaubern und versucht stets, in der Pole Position bei der Verteilung zu sein.

Molly hat auch den bezeichnenden Beinamen: "lebende Stolperfalle" von mir bekommen. Selten geht Molly einfach neben- oder hinterher. Der liebste Ort ist ihr zwischen den Beinen, wo sie sich, damit es spannender wird, auch immer wieder um ihre eigene Achse dreht. Das absolute Top-Reaktions- und Fitness-Training für mich.


Die Fütterungszeiten sind, wie schon zu Beginn beschrieben, die Momente am Tag, die für Molly wohl die aufregendsten sind. Um diesen Stress abbauen zu können, hat sie für danach das Ritual des endlosen Schüsselputzens entwickelt. Sobald die Rudelmitglieder ihre eigenen Futterschüsseln geleert haben, wird reihum in und rund um die Schüsseln der anderen noch sauber gemacht. Das tut jeder Vier-Beiner bei jeder Schüssel, was soweit auch völlig normal ist. Kaum erledigt, wird noch ein großer Schluck Wasser genommen und dann erfolgt der Rückzug auf die Hundecouch, wo noch Pfoten und Brust auf Brösel abgesucht werden. Danach kann endlich in aller Ruhe verdaut werden. Nicht so bei Molly. Selbst eine Stunde und länger nach der Fütterung macht sie hintereinander eine Schüssel nach der anderen und den Boden rundherum gründlich sauber. Es ist schlichtweg unmöglich, dass sich hier noch irgendetwas Essbares findet. Versuche, sie davon abzuhalten, sind wirkungslos. Ich habe auch schon probiert, sie gleich nach der Mahlzeit mit einem Kaustangerl abzulenken. Das funktioniert - solange sie dran kaut. Ist es aufgegessen, führt ihr Weg sie sofort zurück zu den Futterschüsseln.

Für Molly sind Futterzeiten so aufregend wie für unser eins ein Fallschirmsprung - dass angesichts eines derartigen Adrenalin-Schubs auch schon ein paar Tröpfchen in der Unterwäsche landen, gibt keiner gerne zu, ist aber so. Und bei Molly ist das nicht anders. Damit die Tröpfchen nicht einen Teppich zieren oder in die Ritzen im Laminatboden laufen, muss Molly unmittelbar nachdem ihre Schüssel leer gefressen oder das leckere Schweinsohr vernascht ist, mal raus in die Wiese.


Nun könnte man meinen, sie wäre generell undicht - aber das ist sie keineswegs. Diese Stresslackerl passieren ihr im Affekt. Wenn Molly hingegen die Nacht zu lange dauert und sich bei ihr ein gewisser Drang bemerkbar macht, legt sie am Laminatboden beim Schlafzimmereingang einen Stepptanz hin, der das Ziel hat, mich aus dem Schlaf zu holen. Sobald das gelungen ist, wanke ich zur Terrassentür und lasse die süße Maus ins Freie. Gleich rechts befindet sich mein WC und auch ich nutze die kurze Wartezeit, bis Molly ihr Geschäft erledigt hat, sinnvoll. Sobald bei mir die Spülung rauscht, steht Molly auch meist schon wieder vor der Türe und bittet, vom Druck befreit, um Einlass. Während dieser Einlage schlafen die anderen Rudelmitglieder ruhig weiter. Sie kennen die Nachmitternachtseinlage längst und sind dadurch nicht von ihren kuscheligen Decken und Polstern zu locken. Auch Molly verzieht sich sogleich auf ihren Platz, der bestimmt noch warm ist und rollt sich wieder gemütlich ein. 

Sehr seltsam mutet auch diese eine Schlafstellung an, die nur sie einnimmt. Immer wenn sich gerade gar nichts tut und Ruhen angesagt ist, sucht sich jeder meiner Vierbeiner sein bevorzugtes Hundebett, rollt sich ein und schläft alsbald tief und fest. Manchmal wird auch gemeinsam gekuschelt. Da findet sich auch schon mal ein Kopf auf den Rücken des anderen gebettet. Nur Molly kann etwas, das ich wiederum bei keinem meiner anderen Hunde jemals gesehen habe. Molly schläft im Sitzen ein. Als hätte sie vergessen oder wäre zu müde, sich hinzulegen, sitzt sie da mit hängenden Schultern und hängendem Kopf, Rücken krumm und schläft.



Mein Versuch korrekt und vollständig zu berichten, treibt mich dazu, Molly grade im Moment besonders genau zu beobachten. Dabei ist mir aufgefallen, dass etwas an ihr gar nicht mehr auffällig ist. Blondie hat von Beginn weg oft stundenlang ihre Vorderpfoten geputzt. Nicht dieses kurze Absuchen nach Essensresten nach einer Mahlzeit, sondern eine Zwangsstörung, bei der ich stets befürchtet habe, dass sie ihre hübschen Pfoten nackt lecken und diese irgendwann wund und entzunden sein würden. Dank Mollys dichter Behaarung ist es glücklicherweise nie so weit gekommen. Nun ist es immer so, dass man sofort merkt, wenn etwas schlimmer wird, aber nicht immer gleich eine Verbesserung wahrnimmt. Und so ist mir gerade gestern erst aufgefallen, dass Molly ihre Pfoten, wie jeder andere, völlig normale Hund auch, nach der leckeren Näscherei noch kurz reinigte. Und das war's. Kein fanatisches, stundenlanges Dauerlecken mehr - Haleluja!

Dazu muss ich sagen, dass mir der Tierschutzverein vor der Übergabe von Molly fairerweise mitteilte, dass bei ihr eine chronische Augenentzündung diagnostiziert worden war. Und der mitgelieferte Arztbericht erwähnte auch eine Hautallergie, was an vielen kleinen wunden Stellen, vor allem an ihrem Bauch, aber auch an den Zehen und Ballen offensichtlich war. Ein erster Allergietest in der Tierklinik bestätigte dies. Ich beschloss jedoch abzuwarten, wie sich die neue Umgebung, die sauberen Liegeplätze, das gute, regelmäßige Futter und die viele Bewegung auf sie auswirken sollten. Zudem war Molly eine recht mollige Hundedame und ich wollte sie erstmal auf ein Normalgewicht runter bringen. Was soll ich sagen: gut war's - keine Allergie mehr, keine Augenentzündung, Figur schlank. Bestimmt ist da eine gewisse Anfälligkeit vorhanden, denn der Versuch einer Futteränderung wurde mit Herumbeißen an juckenden Pfoten und Kratzanfällen quittiert. Mit der Rückkehr zur ursprünglichen Fütterung war wieder alles gut

Die vielen seltsamen Verhaltensweisen meiner Molly sind meiner Einschätzung nach bestimmt nicht angeboren. Spaniel sind, soweit ich weiß, Hunde mit einem festen Sturschädel, aber sicher nicht von Natur aus derart schräg. Was Molly in ihren ersten 4-8 Lebensjahren widerfahren ist, war vermutlich nicht immer nur Gutes. Molly hat mit Sicherheit Hunger kennen gelernt. Schmerzen und Käfighaltung waren wahrscheinlich auch mit dabei und Kontakt oder Spiele mit anderen Hunden, wenn es das überhaupt gegeben hat, dann ist es schon so lange her, dass sie es vergessen hat. Schmerzen kennt Molly alleine daher, dass langfristig unbehandelte Ohren- und Augenentzündungen zu Schwerhörigkeit und beinahe Blindheit geführt haben. Man hatte sich mit ihr wohl kaum, wenn dann nur unsanft auseinander gesetzt. Körperpflege, wie Bürsten, ist ihr verhaßt - vor allem, wenn man an bestimmten Körperregionen kämmen möchte, beißt sie in ihrer Verzweiflung und Angst vor Schmerz zu. Sie schnappt nicht, um zu verletzen - es sind nur Drohgebärden und Versuche, mich sanft aber bestimmt davon abzuhalten. Und so greife ich dann oft auch lieber zur Schere als zur Bürste.

Spaziergänge mit Molly sind wie Überraschungseier - man weiß nie wirklich, was einen erwartet. Meist läuft sie mit uns mit, ohne dass ich mich viel darum kümmern muss. Kritisch sind die Start- und Endphase. Grade beim Weggehen läßt sie sich sehr viel Zeit zum Schnüffeln und fällt gerne mal zurück. Wenn wir aber mal unterwegs sind, ist Molly super mit dabei. Und am Rückweg läuft sie voraus. Oftmals weiter als ihr Gehör- und Sehsinn reichen. Kreuzen dann zufällig grade viele andere Hunde- und Menschenbeine ihren Weg, schließt sie sich diesen spontan an, in der Meinung, sie hätte uns wieder gefunden. Da Molly völlig harm- und arglos ist, hat das bislang im schlimmsten Fall zu Gelächter und einer freundlichen Rückgabe der Fellnase ins richtige Rudel geführt. Wenn Molly uns verliert, ohne sich einem fremden Rudel anzuschließen, bekommt sie Panik. Und Panik ist selten ein guter Ratgeber. Irgendwann rennt sie dann einfach los und weil es sonst unspannend wäre, prinzipiell in die falsche Richtung. Zu Beginn unserer Partnerschaft hat sich rasch herausgestellt, dass Mollys Nase und Orientierungssinn 1A sind. Denn in diesen Fällen trafen wir uns beim Auto wieder. Mittlerweile kommt es vereinzelt vor, dass Lenny die Rückführung übernimmt, indem er Molly einfach dort abholt, wo sie herum irrt. Zwar hat sich das bislang eher als Zufallstreffer dargestellt, aber ich arbeite dran, dass er es sich als Aufgabe macht.

Tierarztbesuche hingegen findet Molly zum Gähnen langweilig. Die meisten anderen Hunde zeigen bereits beim Betreten des Wartezimmers eindeutige Anzeichen erhöhter Pulsfrequenz. Sie beginnen zu Hecheln, Fell fällt in Büscheln aus und die ganz Ängstlichen stemmen vier Pfoten mit aller Kraft gegen die Laufrichtung. Viele Hunde betreten nicht das Behandlungszimmer, sondern werden hinein gezogen, als hätten sie Rollen an den Pfoten. Bei Molly passiert genau das Gegenteil. Richtig besorgt war die liebe Ärztin noch bei unserem ersten Besuch und hat eine gefühlte halbe Stunde Mollys Herz abgehört, weil sie nicht glauben konnte, wie ruhig und entspannt dieser Hund war. Und so ist es geblieben. Molly hat einfach die Ruhe weg beim Tierarzt - wie herrlich!

In den vier Jahren, die Molly nun bereits bei mir lebt, habe ich nicht nur einmal mit meiner Entscheidung, diesen verkorksten Hund in (m)ein Rudel auf zu nehmen, gehadert. Ich war der Ansicht, dass es meine kleine verrückte Blondine als Einzelhund bei einem netten Pensionistenpärchen möglicherweise leichter gehabt hätte, weil ihr da einfach mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre und sie mehr Ruhe gehabt hätte. Und aus diesen besorgten Gedankengängen hat mich kürzlich eine liebe Hundefreundin gerissen, indem sie mir - ohne meine Bedenken zu kennen - eine völlig andere Sichtweise geliefert hat mit den Worten: "Wie gut, dass Molly in einem Rudel lebt, an dem sie sich orientieren kann!" Danke, Sabine!!!

Dienstag, 26. Dezember 2017

Balu, der Therapiehund

Es war schrecklich, ist nun aber schon eine Weile her, dass mein Vater nach einem schweren Schlaganfall viele Monate in Krankenhaus und Rehabzentren verbringen musste, bevor er das erste Mal wieder auf Besuch nach Hause kommen und durch seinen geliebten Garten wandern durfte. Gehen hatte er eben erst wieder gelernt und so stand er auf noch sehr wackeligen Beinen mit einem Gehstock als Stütze und versuchte die ersten unsicheren Schritte in der unebenen Wiese.

Welcher Teufel mich geritten hatte, dass ich meinen stürmischen Kampfschmuser (damals grade mal ein gutes Jahr alt) mitgenommen hatte für dieses erste Wiedersehen nach Langem, weiß ich nicht mehr. Balu kann mit seinen rund 30kg Kampfgewicht im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend sein, wenn er sich sehr freut und die Aufregung überhand nimmt. Meinen Vater kannte und liebte er von klein auf und es war zu erwarten, dass die Aufregung bei diesem Wiedersehen groß sein würde. Ich hatte auf jeden Fall die Leine sehr fest im Griff und war darauf gefaßt, im richtigen Moment gegen zu halten, um zu verhindern, dass Balu meinen Vater zu Fall bringt.

Mit dem, was dann geschah, hatte keiner von uns gerechnet und es trieb uns allen, die wir in diesem Moment ohnehin sehr emotional waren, die Tränen in die Augen. Balu hatte sich ganz langsam und vorsichtig an die Seite meines Vaters begeben und so zart als möglich die Hand zur Begrüßung mit der Schnauze berührt. Auf dem Weg durch den Garten blieb er ruhig und ernsthaft an der Seite meines Vaters, immer nur dann einen Schritt vor den nächsten setzend, wenn mein Vater es tat.

Nichts und niemand hatte Balu auf diese Situation jemals vorbereitet, noch konnte er Erfahrung damit haben. Schließlich hatte ich ihn mit nur neun Wochen direkt von seiner Geburtsstätte, wo es ein kleines Kind, aber keine Menschen mit Handcap gab, zu mir geholt.

Leider habe ich danach sehr viele Jahre verstreichen und dieses unglaubliche Talent ungenützt lassen. Es hat auch niemals eine Veranlassung gegeben, diese wundervolle Gabe zu fördern oder gar mit ihm eine Ausbildung zum Therapiehund zu machen. Und so ist Balu beinahe 12 Jahre alt geworden, bis er endlich seine Bestimmung finden durfte. Und auch das eigentlich nur per Zufall. 

Es war wieder einmal soweit. Ein Spielenachmittag im Pflegeheim stand bevor. Ich hatte bereits angekündigt, meinen zu der Zeit sieben Monate alten Jungspund "Lenny" mitzubringen; als Unterhaltung, aber auch um zu sehen, wie er sich tun würde mit unseren Teilnehmern. Aber es kam anders, denn Balu, mein ältester, hatte seit dem Vortag ganz schlimmen Durchfall mit Erbrechen. Das war ungewöhnlich und besorgniserregend. So beschloss ich, stattdessen ihn mitzunehmen, um ihn unter Beobachtung zu haben.

Mit Decke und Wassernapf sind wir dann eingezogen in die Aula des Pflegeheimes und haben es uns in der Ecke, in der wir mit den 6-8 Bewohnerinnen und Bewohnern lustige Nachmittage veranstalten, gemütlich gemacht. Eine erste Frage in die Runde ergab, dass alle bis auf eine Dame kein Problem mit dem 4-beinigen Teilnehmer hatten und so ließ ich Balu weitgehend freie "Pfote" im Umgang mit den Leuten. Und wieder überraschte und erstaunte er mich mit seiner unglaublichen Sensibilität im Umgang mit älteren oder gehandicapten Menschen.

Die erste Begrüßungsrunde drehte ich mit ihm gemeinsam. Dabei stupste er jeden einmal vorsichtig mit der Nase an und freute sich über ein kurzes Kraulen vom jeweiligen Spieleteilnehmer als Reaktion darauf. Jene Teilnehmer, die körperlich nicht in der Lage waren, sich derart zu revanchieren, schien er mit besonderer Vorsicht und noch mehr Freude an der Bekanntschaft zu behandeln. Sie haut mich schlichtweg um, diese unglaubliche Sensibilität, die dieser große, oftmals unbändige Hund völlig fremden Menschen entgegen bringt, die zudem so ganz anders, als er es gewöhnt ist, reagieren.

Andere Hunde, die bei uns vorbei flanierten oder sich in der Nähe befanden, ignorierte er vollkommen. Auch das war mir neu und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Balu versuchte auch Personen an Nebentischen, die nicht zu unserem Kreis gehörten, mit ein zu binden. Hier musste ich ihm leider Grenzen setzen, die er nicht ganz widerspruchslos akzeptierte. Er verstand wohl nicht, warum wir diese anderen Menschen ausgrenzten. Letztendlich akzeptierte er den kleinen Kreis derer, die dazu gehörten und lag abwechselnd auf seiner Decke oder drehte seine Kontaktrunde bei den Teilnehmern.

Zwischendurch kam der eine oder andere neugierige Besuch in unsere Ecke, um den neuen 4-beinigen Teilnehmer gebührend zu bewundern und willkommen zu heißen. Dies war in jedem einzelnen Fall mit ausgiebigen Streicheleinheiten verbunden. In diesen kurzen Momenten sah ich Balu wieder in ein kindliches, unbeschwertes Hundewesen zurück fallen. Sobald diese Besuche jedoch beendet waren, schien er sich wieder auf seine eigentliche Rolle zu besinnen, verlor sofort dieses Kindlich-hündische aus seiner Mimik und konzentrierte sich wieder mit Ernst auf seine eigentliche Aufgabe.

Als ich an diesem Abend mit Balu, dem es gesundheitlich zusehends besser ging, nach Hause fuhr, war ich nicht nur unglaublich stolz und glücklich, sondern mir war klar, dass er ab nun ein fixer Bestandteil dieser Spielenachmittage werden würde.

Schon beim zweiten Mal hatte ich den Eindruck, dass unsere Teilnehmer es als selbstverständlich ansahen, dass Balu wieder mit von der Partie war. Und auch bei Balu stellte sich so etwas wie eine Routine ein, mit der er abwechselnd seine Runden drehte,  wo er sich mit einem Nasenstupser Aufmerksamkeit von jedem Einzelnen holte - oder Platz nahm auf seiner Decke und uns von da aus einfach nur beobachtete. Sogar die Dame, die zu Beginn noch auf Distanz zum Hund gegangen war, gewann langsam Zutrauen und schien ihre Unsicherheit mehr und mehr abzulegen.

Soweit die Dr. Jekyll Seite meiner Fellnase. Schon bald sollte aber auch Mr. Hyde zum Vorschein kommen.

Bei unserem dritten Besuch gewann ich den Eindruck, dass Balu die Aula des Pflegeheims mittlerweile als sein riesiges Wohnzimmer ansah. Die Spielerunde musste an diesem Tag in einen zentral gelegenen Bereich der Aula ausweichen, weil in unserer üblichen Ecke ein riesiger Christbaum strahlte. Diese Veränderung und die Nähe zur Küche ließen auch die "dunkle" Seite von Balu, die ich so gut kenne und manchmal lästig, meist aber nur lustig finde, zum Vorschein treten. Balu ist begeistert, dass bei der Spielerunde so viel gegessen und auf den Boden gebröselt wird. Ganz selbständig hat er sich zum Ziel gesetzt, den Boden frei von leckeren Kuchen- und sonstigen Essensbröseln zu halten. In unbeobachteten Momenten sieht man ihn um unser Speisenwagerl kreisen und die gebrauchten Teller, die in Nasenhöhe stehen, genauestens inspizieren. Einen noch viel größeren Magnet stellte jedoch an diesem Tag die Küche des kleinen Cafes, das sich im Zentrum der Aula befindet, dar. Mehrfach erwischte ich ihn dabei, wie er langsam und unauffällig in Richtung Küche schlich. Meine Stopp-Befehle quittierte er jeweils mit einem ziemlich sturen Blick, der mir Balus mangelndes Verständnis für meine Strenge vermitteln sollte.

Es ist ihm auch nicht dauerhaft begreiflich zu machen, dass die Besucher des Cafes, die ja nichts mit unserer Spielerunde am Hut haben, nicht in den erlauchten Kreis gehören. Sobald er sich unbeobachtet fühlt, schleicht er sich also davon und streift von einem Tisch des Cafes zum nächsten, um sich dort Streicheleinheiten zu holen und den Bröselcheck durchzuführen. Es ist schwer zu sagen, was ihm dabei wichtiger ist: der soziale Kontakt oder der Kick für die Geschmacksnerven.

Rückblickend muss ich zugeben, dass dieser Hund immer schon ein wenig "anders" war. Balu fand in seinem Leben nie Freude daran, einfach "nur so" einem Ball nachzujagen. Lange bevor er erwachsen wurde, verlor er sein Interesse an Spielen mit fremden Hunden ganz. Seitens meiner Mutter hatte dieser ungewöhnlich ernsthafte Hund daher den passenden Beinamen "Schwerenöter" erhalten. Stattdessen wurde er sehr wachsam, passt nun auf, dass die "falschen" Hunde seinem Rudel nicht zu nahe kommen und achtet mit großer Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit auf die Art und Weise, wie unsere menschliche Umgebung sich uns gegenüber verhält. Mein Vater stellte einmal sehr zutreffend fest: "Dieser Hund hört das Gras wachsen!"

Ich hatte oftmals den Eindruck, Balu wollte nie einfach nur Spaß, sondern stets eine Aufgabe oder Funktion haben. Er ist ein ganz besonderes Hundewesen, das in Frage stellt, Vorschläge einbringt, verstehen sowie einen Sinn sehen will in dem, was man von ihm fordert und zudem, trotz seiner Verfressenheit, unbestechlich ist. Sein "Job" im Pflegeheim passt daher sehr gut zu ihm. Dass er so ganz nebenei auch kein Kostverächter ist und seinen eigenen kleinen Sturschädel hat und durchsetzen möchte, macht ihn fast noch liebenswerter und holt ihn wieder herunter vom Podest auf die Ebene der eigentlich ganz normalen Hunde, die wir mit all ihren Macken lieben und fest ins Herz schließen.


Mittwoch, 22. November 2017

Frischzellenkur

v.l.n.r. Balu, Molly, Phoebe
Wir werden alt. So richtig alt. Zwei Fellnasen rund um die 12 Jahre und ich bekomme Panik. Bitte nicht falsch verstehen - ich bekomme Panik stellvertretend für Phoebe mit ihren erst 6 Jahren. Das kann doch kein Vergnügen sein, wenn man als Hund im besten Alter sein Dasein in einem 4-Beiner-Altersheim fristen muss.

Und so habe ich mich im Auftrag von Phoebe eher halbherzig auf die Suche gemacht. Halbherzig, weil es schon recht bequem und einfach ist mit so einem eingespielten Oldies-Team. Die verordnete Frischzellenkur würde wieder alles ins Chaos stürzen und ich würde eine neue "unsere-kleine-Welt-Ordnung" herstellen müssen. Ein Prozess, der nicht grade mal so nebenbei passiert, sondern der aktiv gestaltet werden will und neben Hirnschmalz und körperlicher Aktivitätssteigerung auch jede Menge Nerven erfordert.



Gefunden hat ihn schließlich meine Schwester auf Facebook und mir mit zwei Fotos und den begeisterten Worten: "Marion!!!!! Der schaut nach einem Mannsberger Hund aus" plus noch 4 Herzen hinter drein gewhatsappt. Um es kurz zu machen: der Kleine mit der großen Nase hat es mit diesem Satz ins Mannsberger-Hunde-Team geschafft und den Altersschnitt von rund 10 auf 7,5 Jahre hinunter geschraubt. Lenny heisst der Bub und ist eine Mischung aus Bergziege,  Müllschlucker und Autohupe. 

Lenny wurde im Hundeteam so liebevoll aufgenommen wie ein Aussätziger. Die ersten Tage waren für uns alle eine Achterbahn der Gefühle. Kaum war Lenny in der Nähe, schon fiel das Stimmungsbarometer beim Rest der Partie unter den Gefrierpunkt.

Kaum zu glauben, dass das nun auch schon wieder über zwei Monate her ist und ich wirklich scharf nachdenken muss, wie das so war die ersten Tage. Denn mittlerweile sieht es schon wieder ganz anders aus. Lenny hat seinen Platz im Rudel gefunden.

Als ich Lenny am 12.9. (fast einen Monat hatte es nach der Erstentdeckung durch meine Schwester noch bis zu diesem Schritt gedauert) von seiner Pflegestelle im 121km entfernten Győrzámoly/HU abholte, fand ich ein dort wohl eingegliedertes ca. 4,5 Monate altes Hundekind vor, das fest am Rockzipf seiner Pflegemama hing. Wie sehr er sich auf sein neues Zuhause freute, zeigte er prompt mit ohrenbetäubendem Heulen und dem Auswürgen der (nach der Größe der zwei Haufen zu schließen) wahrscheinlich letzten 5 Mahlzeiten auf die Rückbank meines Autos. Die nächsten 120km bis wir endlich zuhause waren, fuhr ich (bei 15 Grad Außentemperatur) mit offenem Fenster und immer wieder angehaltenem Atem.

Dass er ein sehr smarter Kerl sei, das hatte mir die Pflegemama als wertvolle Beschreibung mit auf den Weg gegeben.

Die spannende Erkundung aller weiteren Eigenschaften startete bei der spätabendlichen Ankunft im mittlerweile dunklen Garten. Die ersten Schritte ins Haus waren äußerst vorsichtig. Auch die Kontaktaufnahme von größter Unsicherheit geprägt. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Natürlich kamen bei mir angesichts der temporären Eiszeit im Rudel - trotz besseren Wissens - kurz Zweifel  auf. Glücklicherweise besann sich aber der kleine Hütewischmobb Phoebe auf ihre ungarischen Ursprünge und solidarisierte sich für von Mal zu Mal länger und freundlicher werdende Spielchen mit dem Frischling.
Dies allerdings sehr zum Mißfallen von Balu - Kampfschmuser war DIE Spaßbremse der ersten Wochen. Bis ich die beiden dann zum ersten Mal beim Kuscheln erwischte. Meine Sorgen haben sich recht rasch in Luft aufgelöst. Nach nur zwei Monaten zeigt Balu längst wieder seine wohlbekannte Butterseite, auch dem inzwischen zum Teenager heran wachsenden Lenny gegenüber.
Lenny muss in seinem vorherigen Leben eine Duracell-Batterie gewesen sein. Oder ein Langstreckenläufer. Es ist wunderbar, seine Freude an der Bewegung, am Schnüffeln und Erkunden zu beobachten - diese Lebensfreude reißt mich einfach mit. 

Spiele im Haus werden (und dafür zünd ich sicher noch ein Dankbarkeitskerzerl an) einrichtungsschonend gestaltet. Bislang hat grade mal der alte Teppich (und ab und zu die kleine Phoebe) in der Hitze des Gefechts ein paar Haare gelassen. Die Gartengestaltung hingegen ist sein Ding. Der eine oder andere tief hängende Ast wird im Vorbeigehen einfach mal so abgeknippst - stört ja auch immer beim Rasen Mähen. Soviel Einfühlungsvermögen in so zartem Alter beeindruckt mich schwer. Dass man Vögel verjagen, Katzen verbellen und im Rudel heulen muss, ist dank drei wunderbarer Lehrmeister bei Lenny schon in Fleisch und Blut über gegangen.
  
Etwas gewöhnungsbedürftig sind die nun wieder gehäuft auftretenden Neugierattacken wildfremder Menschen. Da wird mir mitunter sogar über die Straße hinweg die Frage nachgeworfen: "Ghean die olle ihna?" Oftmals dreh ich ihnen den Rücken zu, wo die Fragen unbeantwortet abprallen. Viel öfter aber sag ich mit stolz geschwellter Brust und glücklichem Lächeln im Gesicht: "Ja, alles MEINE!"

Donnerstag, 20. Juli 2017

Vier minus eins ist ....

Komisch ist es, traurig natürlich und auf der Lebensfreude-Skala ein fetter Minuspunkt, den man sich lieber sparen würde, wenn es irgendwie möglich wäre. Das ist schon ein großer, wenn nicht gar der einzige Nachteil an der Sache mit den Hunden - dass die nicht so alt werden. Gar nicht alt eigentlich. Was sind 10 oder 15 Jahre im Vergleich zum Menschenleben? Und dann habe ich mich damals, nachdem meine 1. Hündin nicht mehr war und eine "Neue" ins Haus kam, auch noch fast so gefühlt, als würde ich die verstorbene Hündin betrügen - da war tatsächlich schlechtes Gewissen mit im Spiel. Dabei - hätte ich mir ein Alter wünschen können für meine Hündin - es wäre ein "so alt wie ich werde" gewesen.

Aber man versucht sich ja selbst aus solchen Erfahrungen noch irgendwie etwas Positives heraus zu quetschen. Damals, als es das 1. Mal passierte, versuchte ich mich drauf zu freuen, morgens nicht mehr so früh raus zu müssen, entspannt frühstücken zu können vor dem Büro, Schlechtwetter nur von der kuscheligen, trockenen Couch aus sehen zu müssen. Und was war? Ich saß morgens da, appetitlos, freudlos und stellte mir vor, wie schön es jetzt beim Morgenspaziergang mit der Fellnase wäre. Ich sah dem Regen von drinnen zu und auch aus meinem Gesicht tropfte es nass vor lauter Traurigkeit, weil früher hätten wir so einem Wetter getrotzt, der Hund und ich, und wären dennoch raus, grade und extra und weil dann die Welt uns gehört. Weil wer geht sonst noch bei so einem Wetter, wo normalerweise nicht mal der Hund hinterm Ofen hervor kommt ....

Und jetzt, wie ist es jetzt - da helfen dieselben Ausreden nicht mehr, weil ja noch ein 3er Team an 4-Beinigen um mich herum wuselt. Aber auch hier wieder der Versuch, dem Ganzen etwas Positives abzuringen: endlich muss ich mich beim Spazieren nicht mehr ständig umdrehen nach der Hündin, die sich mit einem interessant riechenden Grashalm minutenlang unterhalten konnte. Nun hab ich auch kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich mit 3en losziehe, während eine zuhause einsam an einem Rindsohr kaut. Aber helfen diese Gedanken? Mit nichten! Jetzt ist mein Nacken nicht mehr so gut gedehnt, weil keine Rückblicke mehr nötig sind, um zu sehen, an welchen Grashalm ich Stella wieder verloren habe. Die Mundwinkel bleiben unten beim Heimkommen nach langen Spaziergängen, weil Stella nicht auf uns wartet und uns freudig willkommen heißt.

Selbst wenn es jetzt schon über ein Jahr her ist, es fühlt sich immer noch an, als wäre ein Teil von mir amputiert worden. Da gibt es die ganz Gefühllosen, die kommentieren: "geh bitte, du hast ja eh noch 3". Wer würde so eine Meldung bei Kindern loslassen? Darf man ein Tier so sehr lieben, dass es so weh tut? Wer maßt sich an, darüber zu entscheiden, zu urteilen? Aber es hilft alles nix - Fotos dürfen noch nicht zu intensiv angeschaut werden. Erzählungen gehen noch nicht wirklich gut - vor allem, wenn es um den schicksalshaften Tag geht. Und auch jetzt, beim drüber Nachdenken und Schreiben ... wann hört das auf?

Stella, wir vermissen dich!


Sonntag, 22. Mai 2016

Stella war ...

Stella war .... eine Gute! Als solche hat sie die Dame vom Tierschutz bezeichnet, als sie das schwarze Bündel Angst vor fast 11 Jahren in meine Obhut gegeben hat. Und ja, sie hatte so recht damit!

Stella war .... die Geduld in Hundeform. 2 Welpen hat sie mit groß gezogen und noch einen Altzuwachs dazu ertragen, ohne dass sie es mir jemals übel genommen hätte. Im Gegenteil - zum einen war sie Amme und zum anderen hat sie geduldig alle Frechheiten ausgehalten, die ihr von der 4-beinigen Jugend zugemutet wurden. Nicht einmal hat sie ernsthaft gedroht, wenn Molly wieder mal wie ein Pfeil in Stellas Futternapf geschossen ist, um dort gierig noch mit zu fressen oder Phoebe Dominanzgesten an ihr geübt hat. Jeder Hundebesuch war willkommen und auch im Auto durften die Freunde mitfahren.

Stella war ... vertrauensvoll, dass es fast schon weh tat. Trotzdem ihr Menschen bereits in Ihrer Kindheit und Jugend so übel mitgespielt haben, hat sie uns nicht nur vergeben, sondern lieben gelernt, sich unseren streichelnden Händen genussvoll hingegeben, wo immer sie nur konnte.

Stella war ... ein Ruhepol - mein Fels in der Brandung. Zu Silvester konnte sie nicht mal mehr die verrückte Böllerei um Mitternacht aus dem Schlaf reissen. Stella war entspannt und ruhig, denn sie wusste, sie war zu Hause und in Sicherheit.

Stella war ... am liebsten auf der Couch und sah gelassen dem Leben um sie herum zu. Wer auch immer da vorbei spazierte, bekam einen wohlwollenden Blick aus warmen, herzlichen, braunen Hundeaugen und grade mal ein lieber Besuch oder ein Leckerli konnte sie da weglocken.

Stella war ... für jeden Unfug zu haben. In ihrer Jugend die wilden Spiele mit Balu und Hundefreunden und später die vielen Tricks, die sie noch mit Freude und Eifer gelernt hat, nur um mir zugefallen. Sie hat bei allem mitgemacht und sich bemüht, weil dann gab's ein Leckerli, ein Lächeln und Streicheleinheiten von Frauchen.

Stella war ... eine Seele von einem Hund, von denen es bestimmt nicht allzu viele gibt. Sie hat mein Leben bereichert und mir gezeigt, wie wichtig Verzeihen ist und wie schön das Leben sein kann, wenn man die Vergangenheit Vergangenheit sein läßt und dem Leben immer wieder eine Chance gibt.

Stella war ... 


Donnerstag, 28. April 2016

DDP - Dogs Daily Post

Sonnigen guten Morgen aus der Hundetruppe!

Heute steht uns noch was bevor - die Stella hat am Nachmittag noch eine schlimme Sache durch zu stehen. Und selbst, wenn sie nicht weiß, dass es ihr bevor steht - es hat sich schon ganz fürchterlich angekündigt: nämlich durch KEIN Frühstück! Und weil das der einen, die nicht darf, so schwer zu erklären ist, warum die anderen rein hauen wie die Irren und nur sie vorm leeren Futternapf steht, habe ich gleich die ganze Bande zwangssolidarisiert: KEIN Frühstück für ALLE.

Und weil das alleine als Unglück noch nicht reicht, kam um halb acht auch noch der Futterlieferant mit Rindsohren & Co und diese (nur für Langohr und Sabbermaul) duftenden Leckereien musste ich vor der sabbernden, geifernden, ausgehungerten Truppe verräumen. Da kommt einem das Heulen - so haben wir zumindest dann alle Körperflüssigkeit gelassen.

Um ganz ehrlich zu sein, bin ich kurz schwach geworden und den unglaublich bittenden, fürchterlich traurigen und herzzerreissenden Blicken erlegen und habe Mini-Fischlis im ganz kleinen Stil verteilt. Unglaublich, wie glücklich da gleich alle drein geschaut haben - das freut das Herz der Hundemutti.

Tja und was ist der Anlass für die Hungerkur der Fellnasen? Stella muss Zähne lassen - gleich zwei, gleich heute Nachmittag. Auf dass sie, okay, vielleicht nicht mehr kraftvoll zubeissen, aber zumindest schmerzfrei die tollen heute gelieferten Leckereien zerlutschen kann.

Danke schon mal im Voraus im Namen meiner Oldie-Dame für jeden einzelnen gedrückten Daumen!

Freitag, 30. Oktober 2015

Mit den Augen eines Hundes

Draußen wird es langsam hell und ich lausche bereits einige Zeit Ihrer Atmung. Sie wird schneller und unregelmäßiger. Anders, als in der Nacht. Wenn Sie sich noch einmal bewegt, gehe ich nachsehen, ob Sie vielleicht schon wach ist. Da, Sie sieht mich an. Nun ist es eindeutig. Ich springe auf von meinem Nachtlager und eile an den Bettrand. Sie liegt gerade in der richtigen Höhe, sodass ich Ihr direkt in die noch müden Augen sehen kann. Endlich, der Tag kann beginnen.

Ich weiß, wenn Sie jetzt aufsteht, passiert noch nicht viel. Sie ist beschäftigt und hat ohnehin keine Hand frei für mich. Ich lege mich wieder hin und döse, bis ich eindeutige Geräusche oder gar keine Geräusche mehr vernehme. Ich weiß, dass Sie sich dann hingesetzt hat und aus ihrer Tasse trinkt. Aber die Mädels bekommen das auch mit und sind vor mir bei Ihr. Außerdem hat Sie ja nur eine Hand frei zum Streicheln. Also bleibe ich noch liegen, bis es los geht.

Und dann höre ich, wie Sie das große Licht einschaltet und weiß: nun kommt mein Part! Ich laufe zu Ihr, sehe Ihr tief in die Augen und warte auf die Worte: "Balu, hol dein Bandl!" Ich weiß genau, was zu tun ist und springe voller Eifer in die Ecke, wo sie alle liegen - unsere Halsbänder und Geschirre. Ich erkenne meines am Geruch, aber ich weiß auch, wie es aussieht. In Windeseile bringe ich es Ihr und schnappe nach dem Leckerchen, das es als Belohnung gibt. Manchmal in der Hektik bin ich zu grob, dann gibt Sie es nicht her. Aber ich weiß, dass ich es sofort bekomme, wenn ich meine Zunge und die Lippen über die Zähne schiebe und ganz langsam das Leckerchen in mein Maul gleiten lasse. Dann lächelt Sie mich an und ich weiß, ich habe es richtig gemacht.

Phoebe ist ein Streber - so sagt Sie zumindest zu ihr. Sie erledigt ihren Part ebenso rasch wie ich und oft rangeln wir darum, wer Mollys Geschirr holen darf. Molly kann das nicht. Sie muss auf der Decke warten, bis wir es für sie bringen.

Und dann, nach einer Ewigkeit, öffnet Sie endlich die Türe und wir laufen ins Freie. Ich erkenne sofort, wenn dieser verräterische Geruch in der Luft liegt, den fremde Katzen hinterlassen, wenn sie in unserem Garten zu Besuch waren. Dann laufe ich eilends eine Gartenrunde, um sie zu vertreiben. Ich weiß, Sie mag das gar nicht, aber Sie weiß gar nicht, wie wichtig das für uns ist.

Wenn wir ins Auto einsteigen, bin ich immer Erster. Dann kommen Phoebe und Molly und ganz zum Schluss Stella. Stella vergißt manchmal, was zu tun ist und muss geholt werden. Währenddessen warten wir ungeduldig im Auto, dass wir endlich los fahren.

Sind wir dann einmal im Wald, versuche ich, die Führung zu übernehmen - es gibt nichts Spannenderes, als den Wald, wenn es noch nicht ganz hell ist. Ich höre die Blätter rascheln und weiß, es sind noch viele Tiere unterwegs. Ich sauge deren Gerüche ganz tief ein und weiß genau, wo sie lang gelaufen sind. Oft hat gerade erst eines unseren Weg gekreuzt und ich kann nicht anders, als die Spur ein paar Meter zu verfolgen. Ich weiß, dass ich nicht weiter darf, aber die paar Meter sind sehr aufregend.

Wenn Sie Leckerchen ins Gras wirft, vergesse ich die Spuren meist sofort wieder und suche im Gras nach den kleinen Futterstückchen. Damit alle erkennen, dass ich meines gefunden habe, kaue ich laut und schmatze dabei, auch wenn ich es völlig geräuschlos verschlingen könnte. Das wirkt - keiner sucht mehr weiter nach meinen Leckerchen. Aber ich helfe gerne den anderen beim Suchen ihrer Leckerchen. Leider funktioniert das nicht immer - Sie passt auf und erlaubt es nicht, wenn Sie es sieht.

Sobald wir aus dem Wald zurück sind, gibt es Beute. Molly regt das sehr auf. Sie läuft unablässig im Kreis und stolpert dabei gegen unsere Beine und über alles, was ihr im Weg ist. Das hört erst auf, wenn Sie das Futter bringt und in unsere Schüsseln oder im Garten ins Gras verteilt.

Danach geht Sie meistens alleine jagen. Sie geht sehr lange jagen, aber wir warten geduldig auf Ihre Rückkehr, weil wir wissen, dass Sie uns dann mit nimmt auf die Jagd.

Während Sie jagen ist, bewachen wir den Garten und das Haus. Dazu gehört, dass wir den großen Garten außerhalb des Zaunes beobachten und jede Katze, die sich in die Nähe wagt, lauthals verbellen. Das machen wir meist alle zusammen. Stella und Molly machen nur mit, weil es alle tun. Phoebe mag Katzen ebenso wenig wie ich und sie ist voller Elan mit dabei. Sie legt sich so richtig ins Zeug. Leider stört das die Katzen nicht im Geringsten - sie sehen frech zu uns herüber und tun dann so, als wären wir nicht da. Das ist sehr ärgerlich. Wenn Sie zuhause ist, macht es noch viel mehr Spass, die Katzen zu verbellen. Sie ruft uns dann zu sich und es gibt ein Leckerchen. Wir bellen dann oft, auch wenn wir keine Katze sehen, damit wir ein Leckerchen bekommen.

Wir erkennen auch, wenn einer der Nachbarshunde vor einem fremden Eindringling warnt und bellen eifrig mit, um diesen zu vertreiben, selbst wenn wir nicht sehen, wer es ist. Das gehört sich so - in der Nachbarschaft halten alle Hunde zusammen. Selbst, wenn wir uns nicht mögen, wenn wir uns mal zufällig beim Spazieren treffen. Aber beim Verbellen sind wir eine große Einheit, die zusammen hält (und zusammen bellt).

Im Herbst vergehen die Tage rascher als sonst. Dann werfen die Bäume in unserem Garten nicht nur Blätter und kleine Äste ab, sondern auch leckere Zwetschken und etwas später zudem noch Nüsse. Wir alle lieben diese Sachen - sie sind wirklich gut und wir achten drauf, dass nichts liegen bleibt. Alles wird gefressen, kaum dass es den Boden berührt hat.

Ansonsten kann es ganz schön langweilig werden. Phoebe fordert mich dann mit wildem Herum Gehopse zum Spielen auf, aber ich habe wirklich keine Lust zu solchen Kindereien. Hin und Wieder kommt es jedoch vor, dass sie sich bewegt wie ein Hase. Und plötzlich denke ich, sie ist ein Hase und jage sie durch den Garten, dass ihr vor Schreck die Luft weg bleibt. Wenn sie sich dann entsetzt unter einen Busch flüchtet oder auf den Rücken wirft, gebe ich ihr einen Stupser und wende mich desinteressiert ab, damit sie weiß, dass ich nur Spass gemacht habe.

In der warmen Jahrszeit teilen wir den Garten nicht nur mit der meist übel gelaunten Katze Buffy, sondern auch mit fünf wandelnden Steinen. Sie bewegen sich nur sehr langsam und wenn wir sie berühren, verschwinden Beine und Kopf und sie liegen ganz still da. Im Grunde sind sie uns egal - wir bemühen uns aber, nicht auf sie drauf zu steigen.

Im Garten gibt es sehr viele Wasserquellen - das ist toll. Überall stehen flache Schüsseln mit Wasser, Kübel voller Wasser, aber am besten schmeckt das Wasser aus den Gießkannen. Man muss die Zunge ganz weit raus strecken, damit man dran kommt. Morgens geht es noch einfacher, aber am Nachmittag haben wir meist schon so viel getrunken, dass nur mehr wir Großen mit unseren langen Zungen an das köstliche Wasser kommen.

Wir wissen genau, wann Sie nach Hause kommt. Wenn wir Ihr Auto hören, laufen wir schon sehr aufgeregt zum Tor und warten dort, bis Sie endlich aufmacht und herein kommt. Es ist ein wunderbarer Moment und wir wollen sie alle als erster begrüßen. Ich spüre dann plötzlich so viel Energie und Bewegungsdrang, dass ich auf Stella springe, obwohl ich weiß, dass Sie das gar nicht mag und mich dann böse ansieht und sehr ernst anspricht. Aber ich kann einfach nicht anders in dem Moment - ES ist zu stark.

Dann müssen wir, obwohl uns nach Rennen und Springen ist, noch kurz auf unserer großen Decke liegen und warten, bis Sie uns die Halsbänder und Geschirre anlegt und wir ins Auto springen dürfen. Nun geht es auf zur zweiten gemeinsamen Jagd des Tages. Wir treffen dabei oft Hundefreunde oder lernen neue Hundefreunde (oder -feinde) kennen. Es ist nicht so interessant wie morgens, weil es wenig frische Gerüche von den Wald- und Feldtieren gibt.

Aber dann suche ich eben nach Leckereien im Gebüsch, die andere Menschen oder Tiere hinterlassen haben. An manchen Tagen findet sich so einiges Schmackhaftes. Sie mag das überhaupt nicht und spricht und sieht mich dann böse an. Sie spielt aber auch meist mit uns und macht Spass, sodass die Jagd viel zu schnell vergeht und keine Zeit bleibt, nach köstlichem Unrat Ausschau zu halten. Wieder zurück im eigenen Revier wird Beute verteilt (wieder in Schüsseln oder im Garten). Egal wo, jeder versucht seinen Anteil so rasch als möglich zu verschlingen. Fast immer bin ich erster und "helfe" dann den anderen beim Suchen.

An manchen Tagen geht Sie mit uns in den Garten und wir machen Tricks oder jagen Bällen hinterher. Oder wir laufen zwischen Stangen im Slalom durch und springen über andere drüber. Das können alle und wir wollen auch alle gleichzeitig dran kommen. Genau das mag Sie aber gar nicht, und so spannt Sie uns auf die Folter und nimmt immer nur einen von uns dran. Es ist sehr schwierig auf einem Platz zu warten, während Sie mit nur einem von uns Tricks übt und Leckerchen gibt. Wenn ich dann endlich dran bin, kann ich gar nicht genug davon bekommen und hoffe, dass es nie aufhört.

Aber leider vergeht auch das meist viel zu schnell. Trotzdem folgt dann noch eine großartige Sache. Manchmal sind wir jedoch besorgt, dass Sie drauf vergessen könnte und starren Sie daher so lange an, bis Sie sich erinnert und sich auf macht zur großen Tonne im Stiegenaufgang vom Keller. Wir bekommen dann alle noch ein getrocknetes Ohr zum Kauen. Und weil ich der Größte und Stärkste von uns allen bin, bekomme ich das größte und beste Ohr. Dennoch bin ich immer als erster fertig und setze mich im Garten an den Zaun, um die Umgebung zu beobachten, bis es dunkel wird.

Wenn es dann so finster ist, dass ich nichts mehr sehen kann und rundherum alle schlafen gehen, ziehe ich mich zurück ins Haus zu den anderen. Ich suche mir einen gemütlichen Platz für die Nachtruhe in Ihrer Nähe in der Hoffnung, dass Sie Ihre Hand ausstreckt und mich an der Stelle hinterm Ohr krault, wo es so wahnsinnig gut tut, dass ich nicht anders kann, als genüsslich zu brummen. Draussen höre ich vereinzelt noch die Nachbarshunde bellen, welche die Nacht einsam im Garten verbringen müssen. Dann drehe ich noch einmal meinen Kopf, lecke dankbar die Hand, die mich streichelt, grunze mich seelig in einen Tiefschlaf in absoluter Sicherheit und Geborgenheit.